Inklusion ausgestellt – Teilhabe ausgeschlosse...
Inklusion ausgestellt – Teilhabe ausgeschlossen
Inklusion ausgestellt – Teilhabe ausgeschlossen
16. Juli 2026
Wie ein Rollstuhlfahrer Teil einer Ausstellung wurde, die er selbst nicht besuchen konnte
Es gibt Situationen, die lassen sich kaum besser beschreiben als mit einem einzigen Satz. Ich war Teil einer Ausstellung über den Erfurter Sport – konnte sie aber selbst nicht besuchen. Was zunächst wie eine absurde Pointe klingt, ist tatsächlich genau so geschehen.
Dabei geht es nicht um eine defekte Tür, einen kurzfristigen technischen Defekt oder einen einzelnen organisatorischen Fehler. Es geht um eine grundsätzliche Frage:
Wann beginnt Inklusion eigentlich?
Reicht es aus, Menschen mit Behinderung sichtbar zu machen? Oder beginnt Inklusion erst dort, wo diese Menschen selbstverständlich an dem teilnehmen können, was über sie erzählt wird? Diese Geschichte ist deshalb interessant, weil sie exemplarisch zeigt, wie groß der Unterschied zwischen öffentlicher Darstellung und tatsächlicher Teilhabe noch immer sein kann.
Wenn Sichtbarkeit gewünscht ist
Im Frühjahr 2026 erhielt ich eine Anfrage des Stadtmuseums Erfurt.
Die Ausstellung „Liebe – Leistung – Leidenschaft. Sportstadt Erfurt“ sollte die Vielfalt des Erfurter Sports zeigen. Neben klassischen Sportarten sollte ausdrücklich auch der Parasport sichtbar werden. Die Kuratorin erklärte mir, dass ich aufgrund meiner öffentlichen Arbeit im Para-Karate und meines sportlichen Engagements ausgewählt worden sei.
Ich sagte selbstverständlich zu.
Ich stellte Wettkampffotos zur Verfügung, übergab einen bedruckten Speichenschutz meines Wettkampfrollstuhls und führte ein Interview für die Ausstellung. Auch über meine eigenen Kanäle machte ich auf das Projekt aufmerksam. Ich freute mich darüber, dass Parasport in einer städtischen Ausstellung sichtbar werden sollte. Damals ahnte ich noch nicht, dass genau diese Sichtbarkeit später eine ganz andere Bedeutung bekommen würde.
Der Moment, in dem alles kippte
Zur feierlichen Eröffnung wurde ich selbstverständlich eingeladen. Eigentlich ein schöner Moment. Bis zu dem Augenblick, als mir beim Betreten des Museums mitgeteilt wurde, dass ich die Ausstellung gar nicht erreichen könne. Die Ausstellung befand sich in einem Bereich, der für Rollstuhlfahrende nicht zugänglich war. Als Begründung wurde zunächst genannt, dass ein geplanter Treppensteiger kurzfristig nicht eingesetzt werden dürfe.
Ich fragte nach.
Nicht aus Ärger. Sondern weil ich verstehen wollte. „Verstehe ich das richtig? Sie wollten ausdrücklich Parasport zeigen, wussten also von Anfang an, dass Sie mit einem Rollstuhlfahrer zusammenarbeiten – und bauen die Ausstellung an einem Ort auf, den dieser Rollstuhlfahrer selbst nicht erreichen kann?“
Die Antwort der Kuratorin überraschte mich. Sie erklärte, sie habe selbst erst wenige Tage zuvor erfahren, dass die geplante Lösung nicht funktionieren werde.
Damit stellte sich eine weitere Frage.
Wenn allen Beteiligten bewusst war, dass ein Rollstuhlfahrer aktiv an dieser Ausstellung mitarbeitet – warum wurde dann überhaupt ein Veranstaltungsort gewählt, dessen Erreichbarkeit für genau diesen Menschen von einer technischen Sonderlösung abhängig war?
Die gut gemeinte Lösung
Kurz darauf schlug der Museumsleiter vor, mich gemeinsam mit mehreren Personen die Treppe hinaufzutragen. Ich lehnte dankend ab. Nicht, weil ich Hilfe grundsätzlich ablehne.
Sondern weil das Tragen eines Rollstuhlfahrers keine Form von Barrierefreiheit ist.
Es ist eine Notlösung.
Vielleicht sogar eine gut gemeinte. Aber keine gleichberechtigte Teilhabe.
Noch bemerkenswerter war, dass auch der Bereich für den Bereich der Bar an diesem Abend für mich ausschließlich über Treppen erreichbar war. Erst als ich die Veranstaltung bereits verlassen wollte, wurde mir mitgeteilt, dass es hierfür einen alternativen Zugang gegeben hätte.
Auch diese Information kam zu spät.
Worum es eigentlich ging
Mir war von Anfang an klar:
Historische Gebäude sind nicht immer vollständig barrierefrei. Darum ging es nie. Ich habe deshalb auch niemals gefordert, historische Bausubstanz umzubauen oder Denkmalschutz außer Kraft zu setzen. Mein eigentlicher Kritikpunkt war ein anderer.
Das Museum wusste Monate vorher,
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dass ein Rollstuhlfahrer aktiv an der Ausstellung beteiligt ist,
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dass dieser zur Eröffnung eingeladen wird,
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und dass seine Teilnahme selbstverständlich vorgesehen ist.
Trotzdem wurde ein Veranstaltungsort gewählt, dessen Zugänglichkeit für genau diesen Rollstuhlfahrer nicht dauerhaft sichergestellt war.
Das eigentliche Problem war also nicht die fehlende Barrierefreiheit eines historischen Gebäudes. Das eigentliche Problem war die Entscheidung, trotz bekannter Einschränkungen genau diesen Ort auszuwählen.
Die Beschwerde
Aus diesem Grund wandte ich mich an die Stadtverwaltung Erfurt und das Thüringer Landesverwaltungsamt. Nicht, weil ich jemanden persönlich angreifen wollte. Nicht, weil ich Schadenersatz verlangte. Und auch nicht, weil ich einzelne Mitarbeitende verantwortlich machen wollte.
Mich interessierte ausschließlich die grundsätzliche Frage:
Ist es mit dem Gedanken der Inklusion vereinbar, einen Rollstuhlfahrer als aktiven Teil einer Ausstellung zu gewinnen, obwohl dieser die Ausstellung selbst nicht besuchen kann?
Die Stellungnahme der Stadt
Die Stadt Erfurt nahm auf Aufforderung des Thüringer Landesverwaltungsamtes Stellung.
Dabei bestätigte sie unter anderem,
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dass mehrere Veranstaltungsorte geprüft wurden,
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dass die Wahl bewusst auf das Stadtmuseum fiel,
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dass die vorhandene Barriere bekannt war,
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dass ein technisches Hilfsmittel als Lösung vorgesehen war,
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dass diese Lösung kurz vor der Eröffnung scheiterte,
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und dass ich darüber nicht rechtzeitig informiert wurde.
Für die entstandene Situation entschuldigte sich die Stadt ausdrücklich. Das ist ein fairer und wichtiger Schritt gewesen. Offen blieb jedoch die eigentliche Kernfrage. Warum wurde trotz bekannter Barriere genau dieser Veranstaltungsort ausgewählt?
Darauf fand sich keine Antwort.
Das Gespräch mit dem Inklusionsmanagement
Im Anschluss führte ich ein fast einstündiges Telefonat mit dem Inklusionsmanagement der Stadt Erfurt. Das Gespräch verlief sachlich und respektvoll. Dabei wurde deutlich, dass auch dort kurzfristig keine praktikable Lösung gesehen wurde. Es wurden mögliche Förderprogramme für zukünftige Maßnahmen angesprochen. Nur halfen Fördermittel der Ausstellung nicht.
Sie lief lediglich ein Jahr.
Meine Frage war deshalb einfach: Welche Lösung gibt es jetzt?
Darauf erhielt ich keine konkrete Antwort.
Die Entscheidung des Thüringer Landesverwaltungsamtes
Schließlich teilte das Thüringer Landesverwaltungsamt mit, dass kein rechtsaufsichtliches Einschreiten erforderlich sei.
Begründet wurde dies im Wesentlichen damit, dass die Stadt versucht habe, den Zugang über einen Treppensteiger sicherzustellen, dieser kurzfristig nicht eingesetzt werden konnte und deshalb auch keine frühere Information möglich gewesen sei.
Juristisch mag diese Bewertung nachvollziehbar sein. Inhaltlich beantwortet sie jedoch nicht die eigentliche Fragestellung. Denn geprüft wurde im Wesentlichen, ob ein Verwaltungsfehler vorlag. Nicht geprüft wurde, ob die grundlegende Entscheidung mit dem Gedanken echter Teilhabe vereinbar war. Genau darin liegt aus meiner Sicht das eigentliche Problem.
Wenn Inklusion zur Kulisse wird
In den vergangenen Jahren ist viel über Sichtbarkeit gesprochen worden. Über Repräsentation. Über Vielfalt. Über Inklusion. Das alles ist wichtig. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht. Ein Rollstuhlfahrer auf einem Ausstellungsplakat macht eine Ausstellung noch nicht inklusiv. Ein Interview macht sie nicht barrierefrei. Ein Foto ersetzt keine Teilhabe. Und genau hier beginnt der Unterschied zwischen Symbolik und Wirklichkeit. Vielleicht unbeabsichtigt. Vielleicht organisatorisch erklärbar. Aber für die betroffene Person bleibt das Ergebnis dasselbe.
Man wird Teil einer Geschichte, an der man selbst nicht teilnehmen kann.
Es geht nicht um Schuld
Dieser Beitrag soll keine Abrechnung sein. Ich unterstelle niemandem bösen Willen.
Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass alle Beteiligten den ehrlichen Wunsch hatten, Parasport sichtbar zu machen. Gerade deshalb lohnt sich dieser Fall.Denn wenn selbst dort, wo Inklusion ausdrücklich gewollt ist, am Ende genau die betroffene Person ausgeschlossen wird, zeigt das, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung noch immer sein kann.
Die entscheidende Frage
Vielleicht sollte die Diskussion künftig nicht mehr lauten:„Wie können wir Menschen mit Behinderung sichtbarer machen?“
Sondern: „Wie stellen wir sicher, dass sie selbstverständlich dabei sind?“
Denn Inklusion beginnt nicht dort, wo Menschen mit Behinderung gezeigt werden. Sie beginnt dort, wo niemand mehr darüber nachdenken muss, ob sie überhaupt teilnehmen können. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Ausstellung. Nicht das, was an den Wänden hing.
Sondern das, was davor passiert ist.

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