Para-Karate trifft Kickboxen: Warum Selbstvert...

Para-Karate trifft Kickboxen: Warum Selbstverteidigung im Kopf beginnt

Para-Karate trifft Kickboxen: Warum Selbstverteidigung im Kopf beginnt

Manchmal entstehen interessante Begegnungen dort, wo man sie zunächst gar nicht erwartet. In meinem Fall war es Instagram. Über die Plattform kam ich mit Eric Gold in Kontakt, einem Kickboxweltmeister, Kampfsporttrainer und Sicherheitsexperten aus Würzburg. Am 23. und 24. Oktober 2026 hatte ich die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen, gemeinsam zu trainieren und mich mit ihm über Selbstverteidigung, Bewegung und persönliche Grenzen auszutauschen.

Mein Ziel war von Anfang an, zwei unterschiedliche Kampfsportwelten zusammenzubringen. Gleichzeitig wollte ich Eric die Möglichkeit geben, selbst einmal im Rollstuhl Platz zu nehmen und die Perspektive zu wechseln. Was daraus wurde, waren zwei intensive Tage mit interessanten sportlichen Erfahrungen, guten Gesprächen und einer gemeinsamen Videoproduktion.

Ein Blick über den Tellerrand: Krav Maga im Rollstuhl

Bereits am Freitagabend durfte ich an einer Krav-Maga-Trainingseinheit teilnehmen. Eric beschäftigt sich in seiner Kampfsportschule mit verschiedenen Disziplinen, darunter Kickboxen, Krav Maga und weitere Formen der Selbstverteidigung. Für mich war besonders interessant, welche Techniken ich aus dem Karate bereits kenne und welche Ansätze sich auf meine eigenen Bewegungsmöglichkeiten übertragen lassen. Als Para-Karate-Athlet beschäftige ich mich regelmäßig damit, wie sich Techniken unter Berücksichtigung meiner körperlichen Voraussetzungen sinnvoll umsetzen lassen.

Dabei habe ich einige Parallelen zum Karate entdeckt, aber auch Unterschiede wahrgenommen. Krav Maga habe ich an diesem Abend als sehr direkt, kraftvoll und konsequent auf Effizienz ausgerichtet erlebt. Besonders die Hebeltechniken und die unmittelbare Reaktion auf Bedrohungssituationen waren für mich interessant. Natürlich lässt sich nicht jede Bewegung unverändert aus dem Stand in den Rollstuhl übertragen. Genau darin liegt aber für mich der sportliche Reiz: ausprobieren, hinterfragen und herausfinden, welche Möglichkeiten tatsächlich bestehen.

Wenn aus gut gemeinter Hilfe eine Grenzüberschreitung wird

Am Samstag stand dann unser gemeinsamer Perspektivwechsel im Mittelpunkt. Zusammen mit Erics Videocutter haben wir verschiedene Alltagssituationen besprochen, nachgestellt und für spätere Reels aufgenommen. Im Vorfeld hatte ich Eric von Erfahrungen erzählt, die ich als Rollstuhlfahrer immer wieder mache. Dazu gehören Menschen, die ungefragt meinen Rollstuhl schieben oder in meinen unmittelbaren Bewegungsraum eingreifen, weil sie glauben, mir helfen zu müssen.

Ein solches Erlebnis hatte ich erst Anfang Oktober bei den Chemnitz Open. Während ich mir am Frühstücksbuffet etwas zu essen nehmen wollte, griff jemand ungefragt nach dem Teller auf meinem Schoß. Ich reagierte mit einer deutlichen Abwehrhaltung und lautem Rufen, um den Eingriff zu stoppen. Die anschließende Erklärung lautete sinngemäß: „Ich wollte doch nur helfen.“ Für mich gibt es einen unmittelbaren Bereich um meinen Körper und meinen Rollstuhl, den ich als meine rote Zone bezeichne. Wer dort ohne Ankündigung eingreift, kann mein Gleichgewicht, meine Bewegungsfreiheit und unter Umständen meine Sicherheit gefährden. Das Problem ist nicht die Hilfsbereitschaft an sich. Es ist das Handeln ohne vorher zu fragen.

Genau solche Erfahrungen waren Teil unseres Austauschs und bildeten die Grundlage für verschiedene Szenen, die wir am Samstag vor der Kamera umgesetzt haben.

Eric Gold wechselt die Perspektive

Ein wesentlicher Grund für meinen Besuch war der Wunsch, dass Eric selbst im Rollstuhl Platz nimmt. Dafür hatte ich eigens einen Rollstuhl mit nach Würzburg gebracht. Mir ging es nicht darum, Behinderung zu simulieren oder innerhalb weniger Minuten zu vermitteln, wie sich ein Leben im Rollstuhl anfühlt. Vielmehr wollte ich Eric ermöglichen, Bewegungsabläufe, räumliche Verhältnisse und Handlungsmöglichkeiten einmal aus einer anderen Position heraus zu betrachten.

Gerade im Kampfsport ist dieser Perspektivwechsel interessant. Denn Selbstverteidigung hängt nicht allein davon ab, welche Technik jemand beherrscht. Entscheidend ist auch, welche Bewegungen in einer konkreten Situation überhaupt möglich sind und wie sich die vorhandenen Möglichkeiten einsetzen lassen.

Während der Aufnahmen haben wir uns intensiv ausgetauscht, verschiedene Situationen ausprobiert und gemeinsam überlegt, wie sich unsere Erfahrungen miteinander verbinden lassen. Dabei hatten wir nicht nur interessante Gespräche, sondern auch jede Menge Spaß. Wie die einzelnen Szenen später in den fertigen Videos aussehen werden, weiß ich selbst noch nicht. Die Aufnahmen werden derzeit für gemeinsame Instagram-Reels aufbereitet.

 

Selbstverteidigung beginnt im Kopf

Besonders interessant fand ich, dass Eric und ich bei einem wesentlichen Punkt sehr ähnlich denken: Selbstverteidigung beginnt nicht erst mit einer körperlichen Auseinandersetzung.

Sie beginnt viel früher. Mit Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Körperhaltung und der Frage, wie ich mich in meiner Umgebung bewege und auf andere Menschen wirke. Wer sich mit Selbstverteidigung beschäftigt, muss deshalb nicht nur Techniken trainieren, sondern auch lernen, Situationen einzuschätzen, Grenzen zu setzen und im entscheidenden Moment handlungsfähig zu bleiben. Dabei geht es nicht darum, Menschen die Verantwortung für mögliche Übergriffe zuzuschieben. Es geht darum, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu kennen und selbstbewusst einzusetzen.

Dieser Gedanke verbindet aus meiner Sicht unsere unterschiedlichen sportlichen Erfahrungen. Eric bringt seine Kenntnisse aus verschiedenen Kampfsportarten und der praktischen Selbstverteidigung ein. Ich ergänze diese um meine Erfahrungen aus dem Para-Karate und dem Alltag im Rollstuhl.

Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven haben unsere Gespräche für mich so wertvoll gemacht.

Zwei Kampfsportler, viele gemeinsame Gedanken

Was ich aus Würzburg mitnehme, ist weit mehr als eine Trainingseinheit und ein gemeinsamer Videodreh.

Ich habe Eric als offenen, sympathischen und fachlich interessierten Menschen kennengelernt, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstanden habe. Besonders gefallen hat mir seine Bereitschaft, sich auf meine Perspektive einzulassen und Dinge selbst auszuprobieren.

Ohne Instagram wären wir uns wahrscheinlich nie begegnet. Umso interessanter finde ich, welche Möglichkeiten sich ergeben können, wenn man Kontakte nicht nur digital pflegt, sondern daraus echte Begegnungen entstehen lässt.

In den kommenden Wochen sollen die gemeinsam produzierten Reels veröffentlicht werden. Darin werden hoffentlich einige der Situationen und Gedanken sichtbar, mit denen wir uns in Würzburg beschäftigt haben.

Ob sich daraus weitere gemeinsame Projekte entwickeln, wird sich zeigen. Für mich war dieser Besuch jedenfalls eine wertvolle sportliche Erfahrung und ein weiterer Beleg dafür, dass es sich lohnt, über die Grenzen der eigenen Sportart hinauszuschauen.


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