Zwischen Unsicherheit und Entwicklung – warum ...

Zwischen Unsicherheit und Entwicklung – warum Para-Karate mehr Mut braucht

Zwischen Unsicherheit und Entwicklung – warum Para-Karate mehr Mut braucht

Warum entwickelt sich Para-Karate vielerorts langsamer, als es eigentlich möglich wäre?

Auf diese Frage werden häufig dieselben Antworten gegeben: Es fehlen Trainer, finanzielle Mittel oder interessierte Sportler. Diese Punkte spielen zweifellos eine Rolle. Nach vielen Jahren als Nationalkaderathlet, Beauftragter für Para-Karate und Referent zahlreicher Workshops sehe ich jedoch noch einen weiteren Faktor, über den deutlich seltener gesprochen wird.

Es ist die Unsicherheit.

Diese Unsicherheit begegnet mir immer wieder – unabhängig davon, ob ich mit Trainern, Vereinen oder Verbänden spreche. Sie äußert sich meist nicht offen als Angst, sondern deutlich subtiler. Es werden fertige Trainingskonzepte, Lehrbücher oder konkrete Handlungsanweisungen gesucht, bevor überhaupt der erste Schritt gewagt wird. Dahinter steht häufig der Wunsch, Fehler möglichst vollständig zu vermeiden.

Genau hier beginnt jedoch das eigentliche Problem.

Para-Karate ist noch ein vergleichsweise junger Leistungsbereich. Für viele Situationen existieren keine fertigen Lösungen. Neue Trainingsmethoden, sinnvolle Anpassungen und funktionierende Strukturen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Praxis. Sie entwickeln sich, wenn Trainer und Athleten gemeinsam Erfahrungen sammeln, diese reflektieren und daraus lernen. Wer erst beginnt, wenn alle Antworten feststehen, wird nie genügend Erfahrungen sammeln, um diese Antworten überhaupt entwickeln zu können. Diese Haltung zeigt sich nicht nur in der Trainingspraxis. Während eines Workshops fragte mich einmal ein Teilnehmer, ob es auch einen Trainer ohne Behinderung gebe, an den er sich wenden könne – obwohl der Workshop von einem langjährigen Para-Karate-Nationalkaderathleten geleitet wurde. Die Frage war vermutlich nicht böse gemeint. Sie machte jedoch deutlich, wie stark viele Menschen noch an klassischen Rollenbildern festhalten. Die praktische Erfahrung eines Para-Athleten wird dabei nicht immer selbstverständlich als gleichwertige oder sogar besonders wertvolle Expertise wahrgenommen.

Noch deutlicher wurde dieses Denken bei einem Para-Karate-Wettkampf in der Schweiz. Dort wurden Athleten mit geistiger Behinderung während ihrer Kata dauerhaft von Begleitpersonen auf der Wettkampffläche unterstützt. Auf meine Nachfrage, warum die Sportler nicht eigenständig starten dürften, erhielt ich eine kurze Antwort: „Das können die doch eh nicht.“ Dieser Satz ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Nicht, weil er einzelne Personen beschreibt, sondern weil er ein grundsätzliches Problem verdeutlicht. Wer Menschen von Anfang an weniger zutraut, fordert sie meist auch weniger. Wer weniger fordert, schafft weniger Entwicklungsmöglichkeiten. Und wenn Entwicklung ausbleibt, scheint sich die ursprüngliche Einschätzung zu bestätigen. So entsteht ein Kreislauf, der sportlichen Fortschritt erheblich erschweren kann. Dabei geht es nicht darum, Athleten zu überfordern oder individuelle Grenzen zu ignorieren. Gute Trainer erkennen diese Grenzen – und helfen gleichzeitig dabei, sie Schritt für Schritt zu verschieben. Leistung entsteht nicht durch Schonung, sondern durch passende Herausforderungen.

Aus psychologischer Sicht muss dieses Verhalten nicht einmal auf Angst im klassischen Sinn beruhen. Häufig handelt es sich eher um Unsicherheit, ausgeprägte Fehlervermeidung oder den Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit, bevor Verantwortung übernommen wird. Ebenso können begrenzte Ressourcen, organisatorische Strukturen oder fehlende Prioritäten dazu beitragen, dass Entwicklungen nur langsam vorankommen.

Deshalb halte ich eine andere Frage für entscheidender:

  • Welche Verhaltensweisen fördern die Entwicklung des Para-Karate – und welche bremsen sie aus?
  • Werden Herausforderungen aktiv angenommen oder lieber vermieden? Werden Erfahrungen gesammelt oder wartet man auf perfekte Lösungen?

Nach meiner Überzeugung braucht Para-Karate vor allem Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Dinge ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Fehler zulassen und aus ihnen lernen. Workshops können dafür ein wichtiger Einstieg sein. Sie nehmen Berührungsängste, vermitteln Grundlagen und schaffen erste Kontakte. Sie allein verändern jedoch keine Strukturen. Nachhaltige Entwicklung entsteht erst dann, wenn Vereine kontinuierlich Angebote schaffen, Trainer langfristig begleitet werden, Öffentlichkeitsarbeit regelmäßig stattfindet und praktische Erfahrungen selbstverständlich Teil des Lernprozesses werden.

Vielleicht liegt die größte Herausforderung im Para-Karate deshalb gar nicht in den körperlichen Voraussetzungen der Athleten. Sondern in der Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam den nächsten Schritt zu gehen – auch wenn der Weg noch nicht vollständig vorgezeichnet ist.


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